Aufklärung-Ängste-Ungewissheiten

Die größte Sorge von Eltern, die ihr Kind durch eine Eizellspende bekommen haben, gilt der Frage: Nimmt unsere Beziehung zum Kind Schaden wenn wir offenlegen wie das Kind entstanden ist? Aus diesem Grund ist es verführerisch, das Kind nicht aufzuklären, um die Familienidylle scheinbar ungetrübt aufrechterhalten zu können.

Die Behandlung mit Eizellspende als solche war eine Entscheidung unter Ungewissheiten. Die anschließende frühe Familienentwicklung ist meist sehr positiv. Nach wenigen Jahren rückt der von Pädagogen empfohlene Zeitpunkt der Frühaufklärung näher und näher. Aber auch in der Pubertät kann das Kind aufgeklärt werden.

Die mütterlichen bzw. elterlichen Ängste lassen sich dann wie folgt zusammenfassen:

Wird das Kind mich als Mutter danach noch akzeptieren?


Wie beim Kapitel Entscheidung unter Ungewissheiten erwähnt, suchen Kinder bei Konflikten häufig die schwächste Stelle ihrer Eltern. Bewährtes Mittel von Teenagern ist es, ihren Eltern Schuldgefühle zu machen und ihnen Versagen vorzuwerfen.

Pubertät ist keine gerechte Lebensphase. Alles wird in Frage gestellt und kritisiert – damit auch die Art und Weise der Zeugung. Entwicklungspsychologisch sind die Jahre zwischen 13 und 18 Jahren eine Phase der Abgrenzung zu den Eltern. Wenn diese erfolgreich verläuft, kommt es im jungen Erwachsenenalter zu einer emanzipierten Wiederannäherung an die Eltern.

Wichtige Botschaften an das Kind, die die Eizellspende betreffen, sind:

  • „Wären Dein Vater und ich diesen Weg nicht gegangen, würde es Dich nicht geben.“

  • „Wir haben uns die Entscheidung sehr lange Zeit reiflich überlegt und erst als wir uns sicher waren, dass wir Dich zu 100% genauso lieben können wie ein genetisch leibliches Kind, haben wir den Weg der Eizellspende beschritten.“

  • „Genau Du solltest zu uns kommen – niemand anderes. Darum hat es mit den eigenen Eizellen nicht geklappt.“

  • „Gehen wir mal die Kinder in Deiner Klasse durch. Wer von ihnen lebt in der klassischen Vater-Mutter-Kind-Konstellation?“

Wenn den Eltern das Thema Eizellspende bereits früh um die Ohren geschlagen wird, zahlt sich eine Aufklärung des Kindes im Vorschulalter aus. Die Verletzungen, die ein Kind einer Mutter zufügen kann, fallen in jungen Jahren nicht so schlimm aus. Kleinen Kindern ist alles erklärbar. Es heißt nur die richtigen Worte dafür zu finden.

Ganz allgemein und besonders im Krisenfall ist es hilfreich, wenn Mütter auf ein Tagebuch zurückgreifen können, dass sie vor der Eizellspendenbehandlung und in der Schwangerschaft für das Kind geschrieben haben. Darin sind all ihre damaligen Gefühle rund um das Thema Eizellspende festgehalten und Jahre später für das Kind nachvollziehbar. Gleichzeitig ist es eine schöne Geste des Vertrauens, wenn die Mutter ihrem Kind ihr Tagebuch gibt.




Stelle ich mich selbst als Mutter in Frage?


Manche Menschen lassen sich schneller verunsichern als andere. Disponiert dafür, sich als Mutter in Frage zu stellen, sind insbesondere Frauen, die grundsätzlich leicht zu verunsichern sind und Frauen, die den fehlenden genetischen Link auch nach Jahren noch bedauern. Letzteres ist zum Glück sehr selten.

Mütter entwickeln für ihr Kinder eine Art „Löwinnen-Gen“, deshalb denken sich viele: Sich als Mutter selbst in Frage zu stellen würde dem Kind schaden. Mutter-sein bedeutet, diejenige Frau zu sein, die tröstet, die hilft, die auf die Kleinen aufpasst, die das Lieblingsessen kocht, zu der das Kind kommt, wenn man nicht schlafen kann usw. All das kennt jede Mutter – auch nach einer Eizellspende.

Das Gefühl der Mutter „Du bist mein Kind!“ muss beim Kind kontinuierlich über alle Jahre hinweg ankommen. Diese Botschaft ist auch eine Botschaft an sich selbst und wirkt zurück auf die Mutter.

Beim Wording ist es wichtig, dass die Eizellspenderin nie als „genetische Mutter“ bezeichnet wird. Das Wort „Mutter“ bleibt einzig und allein derjenigen vorbehalten, die das Kind aufzieht. Diese Unterscheidung ist fundamental wichtig.

Die Spenderin ist eine tolle, großzügige Frau, die ihre Gene geschenkt hat. Die Spenderin ist auch keine „Bauchmama“. So wird nur die leibliche Mutter von Adoptivkindern genannt.

Für Mütter nach einer Eizellspende ist es wichtig zu wissen, dass auch Kinder nach einer Samenspende hin und wieder Vorwürfe an ihre Eltern richten. Diese richten sich dann meist nicht gegen den (sozialen) Vater, sondern gegen die Mutter, die „so etwas gemacht hat“. Mütter sind in bestimmten Lebensphasen der Kinder einfach immer „Schuld.“




Entsteht ein Ungleichgewicht in der Paarbeziehung und auf der Familienebene?


Je nach Alter ist ein Kind, das in einer intakten Familie aufwächst, „Papakind“ bzw. „Mamakind.“ Dies hat wenig mit der Art der Zeugung zu tun, sondern mit der Identifikation und Übernahme von Geschlechterrollen durch das Kind. Auch hängt es damit zusammen, welches Elternteil mehr Zeit für die Kindererziehung aufbringen kann.

Erfahrungen zeigen, dass es für die Eltern nach der Geburt keinen Unterschied mehr macht, wer seine Gene weitergeben konnte und wer nicht. Allen Müttern und Vätern macht es gleich viel Freude, dass sie endlich eine Familie sein können.

Kleinere Risikofaktoren können in der Großeltern-Kind-Beziehung sowie in der Geschwisterbeziehung liegen, wenn in der Familie zusätzlich ein genetisch beidseitig leibliches Kind vorhanden ist. So kann es sein, dass die Generation der Großeltern noch in Kategorien von Blutsverwandtschaft denkt und mit der Thematik Eizellspende überfordert ist.

Auch haben nicht alle Geschwister untereinander eine enge Beziehung. Geschwisterrivalität gibt es durchaus und da kann es sein, dass das genetisch leibliche Kind die Keule „Du bist gar nicht mein richtiger Bruder/ meine richtige Schwester“ zieht. Dies ist ein Punkt, an dem Eltern sofort eindeutig intervenieren müssen.

Wie in vielen Einzelfragen zur Gametenspende fehlen auch zu diesen o.g. Fragestellungen noch sozialwissenschaftliche Untersuchungen.




Was passiert, wenn das Kind „es“ herumerzählt?


Wenn das Kind im Kindergarten, in der Schule oder in der Nachbarschaft erzählt, dass es ein Eizellspenden-Kind ist, ist das Geheimnis nach außen gelüftet. „Was raus ist, ist raus“ sagt die Kommunikationspsychologie über Inhalte, die nicht mehr zurückgenommen werden können.

Dem Kind einen Maulkorb zu verpassen oder das Kind in Zeiten von Gentests nicht aufzuklären, ist keine gute Alternative.

Im Vorfeld einer Eizellspende ist das mögliche „Herumerzählen“ für Paare die zweitgrößte aller Ängste. Größer ist nur noch die Angst, dass auch die Behandlung mit der Eizellspende nicht klappt.

Nach der Geburt relativiert sich erfahrungsgemäß die Angst der Eltern vor einem ungeplanten Outing. „Dann ist es eben so und wir müssen damit umgehen“, ist dann meist die Einstellung der Familie. Und weil die Erklärung nach außen auch die Akzeptanz nach innen fördert, macht die Familie in dieser Situation einen psychologischen Wachstumsschub. Hilfreich ist ein vertrauliches Gespräch mit den Nachbarn, der Verwandtschaft oder der Kindergärtnerin, wenn die Information nach außen gedrungen ist.

  1. Zuerst einmal müssen dann den informierten Personen die Basisfakten einer Eizellspende erklärt werden und vor allem, dass es eine transparente und legale Behandlung in vielen Ländern Europas ist.

  2. Dann sollte Gewicht auf die Tatsache gelegt werden, dass es ohne Spende, dieses Kind nicht geben würde, da die eigenen Eizellen genetisch zu alt bzw. vorzeitig gealtert waren.

  3. Weiterhin ist es sinnvoll, gegenüber dem sozialen Umfeld dann einen größeren Rahmen herzustellen. Es gibt heutzutage viele Familien ohne genetischen Link.

  4. Abschließend kann eine klar kommunizierte Bitte um Vertraulichkeit das Gespräch beenden.

„Ich bin keine Freundin von übertriebener Kommunikation nach außen. Eltern müssen nicht missionarisch erklären, dass ihr Kind durch eine Eizellspende entstanden ist. Auch wenn sich dadurch gesellschaftlich und politisch einiges ändern würde. Das Persönlichkeitsrecht und Wohl des Kindes geht vor. Ich möchte auch die „Ich bin ein Eizellspendenkind“ – Identität nicht allzu sehr in der Psyche des jungen Menschen eingebrannt wissen.“ – Christine Büchl