Anonyme oder nicht-anonyme-Spende?

Viele ausländische IVF-Zentren stellen die anonyme Spende als vollkommen problemfrei dar. Für manche Erwachsene, die über anonyme Gametenspende gezeugt wurden, ist jedoch eine nicht-identifizierbare Spende ein absolutes No-Go.

Was sagt uns die Wissenschaft zu dieser Frage?


Fakt ist, dass hinsichtlich der späteren Familienentwicklung und Auswirkungen auf die Psyche sozialwissenschaftliche Studien fehlen. Auf folgenden Fragen gibt es keine fundierten wissenschaftlichen Antworten. Allenfalls werden Teilbereiche der Frage in einzelnen Studien gestreift.

  • Wie ist die Familienentwicklung nach einer anonymen Spende verglichen mit der nach einer nicht-anonymen Spende?
  • Wie integrieren pädagogisch optimal aufgeklärte Kinder, die aus einer anonymen Spende entstanden sind, dies in ihre Psyche?
  • Wie groß ist der Wunsch nach den genetischen Wurzeln wirklich?
  • Und sehr wichtig: Wie ist die Zufriedenheit von Spendern 18 Jahre später mit ihrer Spenden-Entscheidung von damals?
Eine Langzeitstudie aus Cambridge / UK bescheinigt Familien nach Gametenspende eine positive Familienentwicklung. Jedoch gehen die Wissenschaftlicher dabei nicht auf den Faktor anonyme versus nicht-anonyme Spende ein.




Wissenschaftliche Probleme


Die Forschung zu all diesen Fragen hat einen Haken –auch Bias- genannt. Untersucht werden können nur Familien, die die Kinder über ihre Entstehungsgeschichte aufgeklärt haben. Nicht-aufklärende Eltern nehmen logischerweise auch nicht an einer diesbezüglichen Studie teil. In Deutschland gibt es eine Gruppe von ca. 150 „Spenderkindern“, die die öffentliche Diskussion dominieren. Sie sind mit Hilfe von Samenspenden gezeugt worden und für sie ist es existenziell unbefriedigend dass sie ihre genetischen Wurzeln nicht kennen. Aber wir wissen nur über diese kleine Gruppe von Nachkommen Bescheid und nicht über die anderen ca. 110.000 Nachkommen, die ebenfalls mittels anonymer Samenspende entstanden sind. Haben sie kein Problem mit der Besonderheit ihrer Zeugung? Sind sie nicht aufgeklärt? Ist das Thema für die o.g. Gruppe deswegen so virulent weil sie erst spät oder zufällig wurden?




Open-Identity-Spende als Chance, nicht als Garantie


Eine nicht-anonyme Spende zum Zeitpunkt der Zeugung heißt nicht, dass die Eizellspenderin 16 oder 18 Jahre später mit einem Kontakt einverstanden ist. Rechtlich erhalten die Nachkommen nur die Identitätsdaten der Spenderin. Was daraus entsteht bzw. nicht entsteht bleibt den Beteiligten überlassen. Für ein „ja“ zum Kennenlernen braucht es zwei Personen die damit einverstanden sind, für ein „nein“ reicht eine. Möglicherweise hat die Eizellspenderin später selbst leibliche Kinder, deren Heranwachsen sie nicht durch genetische Halbgeschwister „stören“ will. Vielleicht ist die Spenderin aber auch mit 45 Jahren ungewollt kinderlos geblieben und „plötzlich“ steht ihre Spende lebendig vor ihr? Die professionelle Begleitung eines möglichen Kennenlernen-Prozess zwischen Kind und Spenderin steckt noch in den Kinderschuhen. Es bedarf allerdings großer Sorgfalt und - ähnlich wie bei der Adoption – ist eine externe Vermittlung von Vorteil, um die Wünsche und Vorstellungen von beiden Seiten im Vorfeld eines ersten direkten Kontaktes auszuloten.




Open-Identity-Spende und Fertilität


Kinderwunschpaare die sich nach reiflicher Überlegung für ein Land mit offener Spende entscheiden sind mit einigen Nachteilen konfrontiert.

  • Sie haben meist Wartezeiten von zum Teil bis zu einem Jahr.
  • Nicht immer wird ihnen das Alter der Spenderin mitgeteilt, was die Vermutung nahelegt, dass die Spenderin auch älter sein kann. In vielen Ländern ist es gesetzlich erlaubt, bis zu einem Alter von 35 Jahren zu spenden.
  • Empfängerpaare erhalten im Durchschnitt weniger Eizellen (in der Regel fünf), was die Frage aufwirft, ob die Eizellen aus einer Stimulation auf zwei Empfängerinnen verteilt wurden.
  • Preislich liegt die Behandlung im obersten Segment.
In den Ländern, in denen anonym gespendet wird, gibt es vergleichsweise mehr Spenderinnen – noch. Dort befürchten die Kinderwunschzentren allerdings, dass sie im Falle einer Gesetzänderung hin zu nicht-anonymer Spende nur noch 10% ihrer ursprünglichen Spenderinnen haben werden.




Alles ist möglich


Türen Die zentrale Frage ist, was die Kliniken in den Ländern mit offener Spende den Spenderinnen kommunizieren. Die nicht-anonyme Spende wird ad absurdum geführt, wenn der Spenderin im Vorfeld eindeutig gesagt wird, das Kind erfahre zwar ihren Namen, sie aber zu keinerlei Kontaktaufnahme verpflichtet ist. IVF-Insider gehen davon aus, dass dies häufig geschieht um der Spenderin ihre Entscheidung für eine gesetzlich vorgeschriebene offene Spende zu erleichtern. Auch einige Websites für die Akquise von Spenderinnen weisen ausdrücklich darauf hin, dass später keine Verpflichtung zur Kontaktaufnahme besteht. Auch wenn eine Kontaktaufnahme immer freiwillig ist, kann so eine Situation begünstigt werden, die für das spätere Kind mehr als unglücklich ist: Die Empfänger-Familie hat das Kind 18 Jahre lang über den Tag X der Begegnung mit seiner Spenderin aufgeklärt und vorbereitet. Erfolgt dann keine Reaktion auf den Kontaktwunsch des Kindes ist die offene Spende im Nachhinein mehr oder weniger zu einer anonymen geworden. Umgekehrt gelingt es immer mehr Nachkommen aus anonymer Gamentenspende über ein DNA-Testing Halbgeschwister, Verwandte der Spender/-innen oder die Eizell-oder Samenspender selbst zu finden. Aus der ehemals anonymen Spende kann somit eine offene Spende werden. Aus Sicht des Spenders/ der Spenderin ist dies ein ungewolltes Outing. Es dürfte seiner bzw. ihrer Inkooperations-und Kontaktbereitschaft mit dem Kind abträglich sein.




Entscheidung unter Ungewissheiten


ungewissheit Daraus zu schließen, dass es letztendlich egal ist, welche Form der Spende man wählt, ist ein Trugschluss. Die richtige Antwort auf die Frage zu finden, ob eine anonyme oder nicht-anonyme Spende gewählt wird, ist eine der schwierigsten Aufgaben für das Empfängerpaar.

Wenig hilfreich sind dabei Ärzte, die sich ausschließlich für Spanien und damit für die anonyme Spende aussprechen und psychosoziale Beraterinnen, die einzig und allein zu einem Land mit offener Spende raten. Der Arzt kennt von internationalen Kongressen nur die spanischen Kollegen, die dort Vorträge halten und die Beraterin lässt eventuell Fertilitätsaspekte außer Acht.

Es ist wenig zielführend die Diskussion ideologisch zu führen – nach dem Motto das eine ist die „gute“ Spende, das andere die „schlechte“. Klar ist, dass Eltern das Beste für ihr noch nicht einmal gezeugtes Kind möchten.

Eine pragmatische Herangehensweise hilft, unterschiedlichste Fakten für die Entscheidung miteinzubeziehen: Im Idealfall schreiben Sie verschiedene Kinderwunschzentren in unterschiedlichen Ländern mit gezielten Fragen an und entscheiden dann. Ideen dafür sind unter Musterfragen aufgeführt. Größte und wichtigste Ressource beim „Projekt Eizellspende“ ist ein pädagogischer Optimismus des Paares: Wir schaffen das, wir gehen locker damit um, für das Kind entsteht kein Geheimnis und für all das was die Zukunft bringt hilft nur Vertrauen. Die Fähigkeit, das Beste aus allem und aus jeder Situation zu machen, ist entscheidend. Nur ein Gedanke sollte nicht der Fall sein dürfen: Wir machen eine anonyme Spende damit mir später in meiner Mutterrolle keine Spenderin in die Quere kommt. Wie sagte schon die amerikanische Familientherapeutin Virginia Satir frei übersetzt in ihrer fünften Freiheit: „Ich habe die Freiheit ein Risiko einzugehen und die Konsequenzen davon eigenverantwortlich zu tragen“.