Aufklärung wann?

Wann sollte ein Kind über seine Herkunft aufgeklärt werden?

 

Je früher die Eltern offen legen, woher das Kind stammt, umso leichter wird es später für beide Seiten: für das Kind und für Mutter und Vater.
Aufklärung ist ein langer Prozess, kein kurzes, einmaliges "Event". Es braucht seine Zeit, bis alles gesagt ist.

Das britische "Donor Conception Network" hat eigens für die Aufklärung „Telling & Talking“-Booklets verfasst, die auch in deutscher Sprache unter dem Titel „Offen gesprochen“ erhältlich sind. Die vier Hefte gliedern sich in vier Altersgruppen: 0-7 Jahre, 8-11 Jahre, 12-16 Jahre, ab 17 Jahren.

Wie klären Eltern kindgerecht auf?

Wickeltischaufklärung


Beim Wickeln wird gespielt, geneckt, gebalgt. Und es werden Zärtlichkeiten zwischen Eltern und Baby ausgetauscht. Vater und Mütter können sich in dieser Situation schon mal im Sprechen üben - ohne dass das Kind den Inhalt des Gesagten versteht.

Ein Beispiel:

„Du Maus, weißt Du, dass wir soooo lange auf dich gewartet haben und dass wir bei soooo vielen Ärzten waren, bis du gekommen bist? Und dann gab es da noch eine ganz tolle Frau, die uns etwas ganz Wunderbares geschenkt hat - aus dem du dann entstanden bist. Sie war die Eizellfee für uns.“

Es sind Worte, die leicht über die Lippen gehen - und sie erleichtern den Eltern die spätere Kommunikation, wenn es dann um konkrete Inhalte geht, die das Kind auch verstehen soll.




Magische Phase (3-5 Jahre)


Dieses Alter/Das Alter zwischen 3 und 5 ist der optimale Zeitpunkt, um sein Kind spielerisch über die Eizellspende aufzuklären. Hier fabulieren Kinder Geschichten, sie unterscheiden noch nicht zwischen Realität und Phantasie, sie glauben an das Christkind und an den Osterhasen. Damit passt also auch die "Eizellfee" sehr gut in diese kindliche Vorstellungswelt. Wichtig: Kinder, die in dieser Phase über die Eizellspende aufgeklärt werden, wissen später, dass eine andere Frau an ihrem Entstehen beteiligt war.

Das Entengeschenk, die Eizellfee und auch verschiedene andere deutsch- und englischsprachige Bilderbücher sind methodische Hilfen für betroffene Eltern, damit die Aufklärung locker und spielerisch abläuft. Wiederholungen und Varianten besagter Spiele und Geschichten sind besonders wichtig, weil sie beim Kind ein Bewusstsein dafür schaffen, sich später mit dem Thema Eizellspende zu identifizieren.




Vorschulalter (4-6)


Im Alter zwischen 4 und 6 Jahren fragen Kinder erstmals, wo denn die Babys herkommen? Sie haben eine anziehende Wirkung auf kleine Kinder. Anlass ist meist eine Geburt in der Familie oder im Freundeskreis.

Babys entstehen, wenn sich zwei Freunde treffen: Eizelle und Samenzelle. Die Eizelle gehört zu Mama, die Samenzelle zu Papa. Manchmal jedoch ist Mamas Eizelle zu müde für ein Treffen, dann hilft eine ganz tolle Frau aus, die ihre Eizelle zu dem Treffen mit Papas Samenzelle schickt, damit die Samenzelle nicht allein bleibt. Beide zusammen werden dann in Mamas Bauch gelegt. Und dort wächst dann das Baby.




Grundschulalter (7-11)


Kognitiv erfassen Kinder, die aus einer Eizellspende entstanden sind, ab etwa sieben Jahren, dass bei ihnen etwas anders ist. Ähnlich wie Adoptivkinder verstehen sie dann, dass ihnen ein genetischer Link fehlt – in diesem Fall zur Mutter. Daraus können Fragen entstehen. Oder aber die Kinder wollen ihre Ruhe von diesem Thema haben. Entwicklungspsychologisch steuern Kinder selbst, wie viele Informationen sie möchten. Es ist daher vollkommen in Ordnung, wenn die Eizellspende über lange Jahre ein untergeordnetes Thema bleibt.

Aber: Klären die Eltern in dieser Phase erstmals das Kind über seine Herkunft auf, sollten sie das Gespräch selbst initiieren und gut vorbereiten. Eröffnungssätze und Kernaussagen legen beide Elternteile vorher zusammen fest.




Pubertät und junges Erwachsenenalter


Teenager In der Pubertät, die etwa im Alter von 11 Jahren beginnt und mit 17/18 endet, kann die Frage nach der Herkunft virulent sein, die Kinder also sehr umtreiben. Da die große Zahl aller Eizellspenden zur Zeit immer noch nonym ist (vgl. 17.000 Behandlungen in Spanien und Tschechien und 700 Behandlungen in Finnland), gibt es aber in der Regel keine Angaben über die Spenderinnen. Was kann helfen?

  • Eltern und Kind werden zu Experten über die Rolle der Gene und über Epigenetik (Epigenetik gilt als Bindeglied zwischen Genen und Umwelteinflüssen: Sie bestimmt also mit, wann welches Gen an- und wieder ausgeschaltet wird).Aktuelle Fachartikel helfen zudem dabei, „Bio-Detektive“ zu werden.

  • Das Kind kennt andere Kinder, die mit Hilfe einer Eizellspende entstanden sind.

  • Für einige Kinder kann es zu diesem Zeitpunkt wichtig werden mithilfe von DNA-Tests Halbgeschwister, genetische Verwandte der Spenderin und letztlich auch die Spenderin selbst zu suchen.

  • Immer wieder schildern die Eltern dem Jugendlichen die eigene Motivation, sich für eine Eizellspende entschieden zu haben.

Ungünstig ist es, wenn die erste Aufklärung erst im Alter ab 11 Jahren beginnt. Denn pubertierende Jugendliche sind Fundamentalisten. Ihr Gefühl, hintergangen worden zu sein, kann die ganze Diskussion dominieren - und für die Eltern wird es dann nur noch darum gehen, in Beziehung mit dem Jugendlichen zu bleiben. Die eigentliche Aufklärung rückt damit in den Hintergrund.

Bei Kindern, die für das Thema Eizellspende in deutlich jüngeren Jahren sensibilisiert wurden, verläuft diese Phase indes wesentlich kooperativer. Sie sind neugierig, sie wollen Bescheid wissen - und werden dann auch vielleicht zu den besagten „Bio-Dedektive“ (siehe weiter oben).

Ein deutliches Zeichen, dass Jugendliche die sogenannte „third party reproducion“ seelisch bewältigt haben, ist zum Beispiel, wenn sie bereit sind, in der Schule ein Referat über künstliche Befruchtung oder Genetik zu halten. Erfahrungen zeigen, dass eher Mädchen eine Auseinandersetzung mit diesem Thema suchen als Jungs.




Verschieberitis


Uhren Wenn Eltern die Aufklärung immer weiter hinauszögern, riskieren sie das Vertrauen ihres Kindes: Es wird ihnen das „Betrogen-worden-Sein" womöglich nicht verzeihen. Da helfen auch keine Argumente wie "Wir wollten Dich doch nur schützen" - das Kind macht zu und rebelliert.

Eigene Ängste, verpasste Gelegenheiten, Streit und Uneinigkeiten zwischen Mutter und Vater sind daher keine akzeptablen Gründe, die Aufklärung jahrelang zu unterlassen. Denn der „richtige Moment" kommt in solchen Situationen fast nie - dafür laufen Eltern Gefahr, dass sie irgendwann einfach "auffliegen", wen etwa das Thema Eizellspende durch eine Krankheit oder andere unglückliche Umstände auf den Tisch muss.

Für Eltern, die sich in einer Sackgasse befinden, ist professionelle Hilfe und/oder die Unterstützung von Familiengruppen nach Eizellspende wichtig. Ein Paar in dieser Situation braucht Know-How und Ermutigung, um doch noch die Kurve zu bekommen.

Es gibt letztlich nur zwei Gründe, die ein Aufschieben der Aufklärung erlauben:

1. eine Entwicklungsverzögerung des Kindes und
2. eine schwere Belastung oder eine gravierende Erkrankung in der Familie - hier darf man das Kind nicht überlasten.

Ein weiterer Aspekt, auf den hier allerdings nicht näher eingegangen wird, sind Kulturkreise, in denen die Blutsverwandtschaft eine große Rolle spielt.

Am besten ist es, wenn die Eltern gar nicht erst in „Verschieberitis“ kommen. Entwicklungspsychologisch gibt es bei Kindern klar definierte Phasen, die den Eltern einen optimalen Einstieg in die Aufklärung erlauben (siehe weiter oben).