Aufklärung: Wie sage ich es meinem Kind?

Eltern steuern den Prozess der Kinder


„Wie die Eltern, so die Kinder“ – das ist die Erfahrung von dänischen Samenbanken, die die Offenlegung der Identität des Spenders begleiten. In diesem Punkt sind die Samenspende-Kliniken denen der Eizellspende zwei Jahrzehnte voraus. Hier fragen jetzt die ersten volljährigen Kinder nach den Daten ihrer Spender und zur Offenlegung der Spender-Identität reist meist die gesamte Familie an.

Sind die Eltern offen, locker und selbstbewusst mit allem, was die Gametenspende betrifft, ist es ihr Kind auch. Machen die Eltern einen angestrengten und ängstlichen Eindruck sind auch die Fragen und Erwartungen des Kindes angstbesetzt, berichten die Mitarbeiter der Samenbanken. Der Moment der Bekanntgabe der Spender-Identität zeigt 18 Jahre Aufklärung und Erziehung wie unter einem Brennglas zeigt.

Die Haltung des Kindes zur Gametenspende – selbstbewusst oder problembehaftet – wird definiert durch die Haltung der Eltern. Sie überträgt sich auf ihre Kinder. Daraus entstehen mögliche Identitätsprobleme der Kinder – oder eben nicht.




„Damit“ groß werden


groß werden Zukunft geht nicht ohne Herkunft: Kinder die „es“ schon immer gewusst haben, integrieren ihre Herkunft nach Eizellspende am selbstverständlichsten in ihre Identität. Sie erinnern sich als Erwachsene nicht an den einen Moment – an das bedeutungsschwangere Problem-Gespräch – als sie aufgeklärt wurden. Erzählungen, Spiele und Geschichten über die Eizellspende prägen das Wissen der Kinder um ihre Herkunft bereits im Vorschulalter auf natürliche und selbstverständliche Weise, lange bevor sie den genetischen Unterschied kognitiv erfassen konnten. Analogien zum Aufklärungsablauf über Adoption drängen sich hier auf. „Damit groß werden“ bedeutet auch, dass es Entwicklungsphasen gibt in denen die Eizellspende kein Thema für das Kind ist. Die Psychologie nennt dies Ruhe- und Integrationsphase. „Mein Sohn interessiert sich mehr für Starwars als für das Thema Spende“, fasst eine Mutter eines Siebenjährigen ihre Aufklärungsbemühungen zusammen. Aufklärung muss kindorientiert sein. Das Kind muss da abgeholt werden, wo es von seiner Entwicklung her steht, um eine Überforderung zu vermeiden und den richtigen Zeitpunkt zu treffen. Eltern sind an dieser Stelle aufgefordert, feine Signale und das kindliche Interesse richtig zu interpretieren. Kinder möchten so normal wie möglich sein und dazu gehört, dass die besondere Herkunft phasenweise in den Hintergrund tritt. Eltern des britischen donor conception networks beschreiben gelungene Aufklärung auch als „dinner talking“. Das Kind weiß schon immer um seine Herkunft und so fällt z.B. beim Abendessen ein lockerer Spruch über die Spende. „Von mir kannst Du Deine Vorliebe für Saures nicht haben, aber vielleicht von Deiner Spenderin“. Alle lächeln und damit ist das Thema auch schon wieder beendet.
Ein passender Zeitpunkt für eine sinnvolle Integration der Aufklärung kann darüber hinaus auch sein, wenn das Kind grundsätzlich über Sexualität und Fortpflanzung aufgeklärt wird. Ist das Kind mit den „Dinner talks“ bereits vorbereitet, fällt das im wahrsten Sinne des Wortes auf „fruchtbaren“ Boden.




Kinder und Jugendliche sind unterschiedlich motiviert


Die Praxis zeigt, dass Kinder nach Gametenspende aus unterschiedlichen Gründen motiviert sind, etwas über ihre Spender herausfinden zu wollen. Zum einen gibt es die Gruppe, die unbestimmt fühlt, dass ihnen was fehlt. Wie ein Puzzle-Teil für das komplette Bild. Zum anderen gibt es die Gruppe, die eher grundsätzlich neugierig ist und Informationen haben will, weil jemand anderes die Wahl für sie getroffen hat. Viele Eltern berichten übrigens, dass Mädchen neugieriger sind als Jungen. Einige Mitarbeiter ausländischer Samenbanken erzählen auch, dass Kinder und Jugendliche mehr und mehr wissbegierig werden, sobald sie die ersten Basisinformationen erhalten haben. Die Tür ist offen.
Ähnlich wie bei einer Adoption ist es die originäre Aufgabe der Eltern, ihren Sohn oder ihre Tochter bei allen Suchprozessen nach den genetischen Wurzeln zu unterstützen.




Aufklärung nach offener und nach anonymer Spende


Eine Aufklärung nach einer offenen Spende bedeutet, das Kind darauf vorzubereiten, dass eine spätere Suche nach der Eizellspenderin möglicherweise frustrierend verlaufen kann. Die Spenderin kann z.B. aufgrund eines Umzugs ins Ausland nicht aufzufinden sein oder sie lehnt Kontaktwünsche ab. Beides kann schmerzhaft für das Kind und seine Eltern sein. War die Spende anonym, ist es wichtig, dem Kind schon im Vorschulalter die zentrale Botschaft „wir kennen die Spenderin nicht und Du wirst sie auch nicht kennenlernen können“ zu vermitteln. „Auf jeden Fall muss sie eine ganz tolle Frau gewesen sein, da Du so wunderbar bist“. Suchprozesse sollten nicht zwanghaft induziert werden. Wenn das Kind es will, entstehen diese ganz von alleine. Selbst wenn Jahrzehnte später die Identität der anonymen Spenderin durch DNA-Datenbanken gelüftet werden kann, wird es vermutlich zu keinem Kontakt kommen. Da die Spenderin unfreiwillig geoutet wurde ist es wahrscheinlich, dass Kontaktversuche brüsk zurückgewiesen werden.
Pädagogisch ist es sinnvoll, die Hoffnungen auf ein späteres Kennenlernen der Spenderin nicht allzu sehr zu schüren. In vielen Fällen ist es weitaus hilfreicher, Mut für ein Leben mit der „genetischen Lücke“ zu machen.





Schlussfolgerung

Jegliche Information über die Spenderin, die Sie während der Behandlung und insbesondere während des Embryotransfers dem Arzt oder der Ärztin aus den Rippen schneiden können, ist später Gold wert. Auch Ihre deutschsprachige Koordinatorin kennt möglicherweise die Spenderin. Alles was Sie erfahren sind Puzzleteile für die Identitätsentwicklung des Kindes.


Die Chancen, etwas über die Spenderin zu erfahren, sind bei einer frischen Spende größer als bei einer Behandlung mit Oozyten aus der Eizellbank.

Die gleiche Reise noch einmal mit Kind


Eine gute Idee kann es sein, in das Land zurück zu kehren, in dem das Kind entstanden ist, als z.B. nach Spanien, Tschechien, Finnland zu fahren, und dem Kind das Land, die Leute und auch die Klinik zu zeigen. Wenn schon die Spenderin nicht bekannt ist, dann wenigstens möglichst viel Drumherum. Auch für die Eltern werden dabei emotionale Erinnerungen wach, die dem Kind zeigen werden, wie sehr es gewünscht war und ist. „Wären wir nicht hierher gegangen, würde es Dich nicht geben und uns etwas wichtiges fehlen“ ist an diesem Ort der gemeinsame Familiennarrativ.