Genetisch unterschiedliche Geschwister

 

„Alles was aus mir herauskommt ist mein Kind“. Mit diesem Powersatz erklärt Andrea ihren beiden Töchtern dass es zwar einen genetischen Unterschied gibt aber nicht in ihrem Bindungsverständnis.

Es gibt eine ganze Reihe von Paaren, die es mit Ende 30 oder Anfang 40 gerade noch geschafft haben ein Kind mit ihrer beider Genen zu bekommen. Ein genetisch leibliches Geschwisterkind war ihnen nicht mehr vergönnt.  Im zweiten oder dritten Lebensjahr ihres erstgeborenen Kindes machte das Paar drei, vier oder mehr IVF-Behandlungen mit eigenen Eizellen um dann letztendlich erfolglos aufzuhören. Die ovarielle Reserve und die Qualität der Eizellen hatte sich drastisch verschlechtert.

Experten wissen dass etwa ein Viertel bis ein Drittel aller Paare die Eizellspende in Anspruch nehmen bereits ein genetisch leibliches Kind hat. Die Familien die dann den Weg der Eizellspende gehen haben dann hochwahrscheinlich „mixed blessings“ – gemischten (Kinder-)Segen.

Der kleine Unterschied


Ein wichtiger Unterschied ist das Schwangerschaftsempfinden zwischen der ersten- homologen - und der zweiten Schwangerschaft nach Eizellspende. Noch ist das Kind nicht sichtbar und manche Frauen stellen fest dass sie sich ein bisschen anderes fühlen als in der ersten Schwangerschaft: distanzierter, unsicherer, erst jetzt realisierend welche Dimension die Behandlung mit Eizellspende hat. Andere Frauen wiederum berichten dass sie keinen Unterschied verspüren und sich einfach nur auf das zweite Kind freuen.

Typische Bedenken die in dieser Situation auftreten sind: werde ich das Kind genauso lieben wie mein genetisch leibliches? Wird sich mein erstgeborenes Kind als das „bessere“ Kind fühlen? Werden sich die zwei Geschwister untereinander verstehen? Auch realisieren die Paare dass sie als genetische Patchworkfamilie jetzt eine ganz besondere Aufklärung für die Kinder leisten müssen.




Die größte Ressource: der stolze große Bruder oder die stolze große Schwester


Eizellspende für ein zweites Kind wurde gemacht in der Hoffnung dass „es“ in dieser besonderen Familienkonstellation gut geht, dass die Kinder sich lieben und dass alle glücklich sind. Ob das in der Realität so eintreten wird lässt sich im Vorfeld nicht theoretisch vorwegnehmen. Äußerst wichtig ist für die Paare deswegen die Freude ihres ersten Kindes über sein Geschwisterchen. Dies ist der Moment an dem sie aufatmen und ihr Familienglück genießen können. Der große Bruder oder die große Schwester die sich vorbehaltlos und rührend um das Geschwisterchen kümmert geben der Familie Sicherheit und Zukunft.




Jedes Kind ist „richtig“


Einer der hilfreichsten Glaubenssätze für die Familiengründung mit Hilfe von Gametenspende ist dass im Leben immer die Richtigen zusammenkommen. Jedes Kind wird als einmaliges Individuum gesehen. Wenn es nicht hätte sein sollen, wäre die Schwangerschaft nach Eizellspende auch nicht eingetreten. Liebe kommt vom Herzen und hängt für Paare die den Weg der Spende gehen nicht von ihren Genen ab. Wichtig sind bei genetisch unterschiedlichen Geschwistern mehrere Dinge:

  • Beide Kinder werden parallel und altersgemäß aufgeklärt. Einzel-und Familiengespräche wechseln sich ab.
  • Jeder Versuch eines Kindes sich als das „bessere“ Kind zu etablieren wird unterbunden.
  • Die ganz normale Geschwisterrivalität wird nicht überinterpretiert.

Auch Eltern von „mixed blessings“ wissen dass sie phasenweise zum einen Kind eine einfachere Beziehung als zum anderen haben. Und umgekehrt.




Besondere Konstellationen und Lösungen


Familie ist vielfältig und es gibt nichts was es nicht gibt. Die traditionelle Patchworkfamilie ist längst durch genetische Patchworkfamilien mit Hilfe von Gametenspende ergänzt worden.

Hier einige Beispiele:

  • Das erste Kind der Familie ist ein Pflegekind. Für das Geschwisterkind wurde der Weg der Eizellspende gewählt da einmal offene Familie mit Umgangskontakten zur Herkunftsfamilie, mit Vormundsbesuchen und mit Hilfeplänen für das Jugendamt bereits genug Arbeit macht.

  • Frauen Mitte 40 haben bereits erwachsene Kinder aus einer ersten Beziehung und lernen nun einen (jüngeren) Mann kennen der noch keine Kinder hat.

  • Das erste Kind war Eizellspende, das zweite Kind stellt sich völlig überraschend mit Mitte 40 spontan ein.

  • Der Mann hat zwei Kinder aus einer früheren Beziehung und hat sie auf Grund der Trennung nicht groß werden sehen. Er möchte die Erziehung noch einmal von Anfang bis Ende gelingend mit einer intakten Familie erleben. Die ovarielle Reserve seiner neuen Partnerin ist erschöpft und der gemeinsame Wunsch beider Partner kann nur mit einer Eizellspende erfüllt werden.