Was Familie ausmacht

 

Die Vorstellungen von Verwandtschaft haben sich geschichtlich und kulturell entwickelt. Per Definition umfasst der Begriff Familie zwei oder mehr Generationen und ist eine Lebensgemeinschaft, die aus einem Elternpaar bzw. Elternteil und mindestens einem Kind besteht.

Familienverständnis, das auf Blutsverwandtschaft beruht


Familie ist hierbei eine Gruppe blutsverwandter Personen, die viele Generationen zurückverfolgt und in einem Familienstammbaum dokumentiert werden kann. Eine Sippe, ein Stamm oder eine Dynastie hat eine klar geregelte Erbfolge – meist patrilinear organisiert. Sogenannte illegitime Kinder gehören per Definition nicht zur Familie, werden aber oft alimentiert.

„Blut ist dicker als Wasser“ oder „Blut ist ein ganz besonderer Saft“ sind Sprichworte, die in der Tradition der Blutsverwandtschaft entstanden sind.




Familienverständnis, das die gelebte Beziehung in den Mittelpunkt stellt


Die leibliche Abstammung nimmt nicht überall den großen Stellwert ein, den sie in der westlichen Welt hat. Manche Menschen machen Verwandtschaft aktiv und selbstständig nach ihren eigenen Regeln.

Ein Beispiel dafür ist weibliche Solidarität in afrikanischen Ländern. Alleinerziehende Frauen, z.T. mit wechselnden Lebenspartnern unterstützen sich gegenseitig im Alltag, in der Kindererziehung und in finanziellen Dingen. Ihre Familienbeziehung hat eine höhere Halbwertzeit als die Paarbeziehung.

„Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf“ lautet ein bekanntes nigerianisches Sprichwort.

In Ländern, die keine Vaterschaftsfeststellung und keine gesetzliche Unterhaltspflicht haben, „verschwinden“ viele Väter nach dem Ende der Paarbeziehung. Ihr Wohnort ist dann unbekannt und die Gesellschaft sieht es nicht als allzu großes Problem an wenn ein Kind seinen Vater nicht kennt.

Familie sind dann die Menschen, die Vertrauen zueinander haben, das Kindeswohl in den Mittelpunkt stellen und zuverlässig die Verantwortung übernehmen.




Moderne Familienformen ohne übereinstimmendes Erbgut


Familie ist heute in der westlichen vielfältig. Die im Folgenden vorgestellten Familienformen basieren auf Bindung, Vertrauen und Zusammengehörigkeit und nicht oder nur z.T. auf genetische Verwandtschaft.

  • Adoptivfamilien – mit oder ohne Wissen über die biologischen bzw. leiblichen Eltern des Kindes (z.B. wenn das Kind ohne Hinweise auf die Herkunft in einer Babyklappe abgegeben wurde).
  • Patchworkfamilie: Der alleinerziehende Elternteil hat einen neuen Lebenspartner, der auch die (soziale) Elternfunktion übernimmt.
  • Alleinerziehende Frauen oder Männer, ohne neuen Partner. Man war mal ein Paar und lebt und erzieht jetzt getrennt von einander bzw. im Wechsel.
  • Pflegefamilien mit und ohne Besuchskontakt zu den leiblichen Eltern.
  • Familien mit einem Kuckuckskind, von dessen Zeugung der Vater nichts weiß.
  • Gleichgeschlechtliche Paare mit Kind nach Samenspende oder Leihmutterschaft.
  • Heterosexuelle Familien nach Eizell- oder Samenspende.
Einiger dieser Familien sind zufällig in dieser Form so entstanden, andere sind nach einem langen inneren Reifungsprozess bewusst gegründet worden.




Moderne und modernste Familienformen


Die Reproduktionsmedizin hat in atemberaubend kurzer Zeit neue Familienformen hervorgebracht.

Medizinisch unterstützte Samenspende gibt es seit ca. 80-90 Jahren, Eizellspende ist seit 15-20 Jahren ein stark steigender Trend und immer mehr homosexuelle Männer überlegen in Richtung Leihmutterschaft. Lesbische Mütter bzw. Co-Mütter nach Samenspende sind heute schon selbstverständlich.

Die neuesten Formen von Familiengründung sind „Single mums by choice“, Embryonenspende und Co-Parenting.

  • Single-Frauen, die Mütter werden wollen, versuchen in jüngeren Jahren mit eigenen Eizellen und Samenspende schwanger zu werden. Sind sie älter oder ist ihre ovarielle Reserve eingeschränkt, gehen sie den Weg der doppelten Spende.

  • Embryonenspende ist eine „fourth-party-reproducion“. Empfängerpaare erhalten dabei überzählige Embryonen von anderen ehemaligen Kinderwunschpaaren, deren Familienplanung abgeschlossen ist. Dies kann zum einen ein altruistischer Akt des Spenderpaares sein, der irgendwann zu einem Kennenlernen beider Familie führt. Zum anderen kann es sich bei den gespendeten Zellen um übrig gebliebene Embryonen aus einer anonymen Eizellspende handeln, bei der die Gen-Geber sich nicht kannten.

  • Co-Parenting bedeutet: Eltern werden ohne je ein Paar gewesen zu sein. Im Internet lernen sich eine Frau, die gern Mutter werden will, und ein Mann, der Vater werden möchte kennen. Ihr verbindendes Element ist der Wunsch nach einem Kind. Die Zeugung wird meist asexuell per Samenspende (sog. „Bechermethode“ oder medizinisch unterstützte Insemination) angegangen. Eine große Anzahl der Nutzer der einschlägigen Portale sind gleichgeschlechtlich oder bisexuell.